Ich bin langweilig und das ist auch okay so

Hässlich, dumm, gemein - jede Beleidigung scheint besser zu sein, als "langweilig". Blöd nur, wenn du eher Li-La-Langeweile-Bär statt Party-Tiger bist, weil dich all die spannenden Events ermüden, genauso wie zu viel soziale Interaktionen. Warum ich gerade jetzt über meine eigene Langweiligkeit schreibe und was Schmetterlinge und Schildkröten damit zu tun haben, lest ihr hier.

Hässlich, dumm, gemein – jede Beleidigung scheint besser zu sein, als „langweilig“. Blöd nur, wenn du eher Li-La-Langeweile-Bär statt Party-Tiger bist, weil dich all die spannenden Events ermüden, genauso wie zu viel soziale Interaktionen. Warum ich gerade jetzt über meine eigene Langweiligkeit schreibe und was Schmetterlinge und Schildkröten damit zu tun haben, lest ihr hier.

In meinem letzten Blogbeitrag schrieb ich, dass ich langweilig bin. Eine sehr nette Freundin (Hallo Johanna!) schickte mir bald eine Nachricht, dass das doch nicht stimme. Weil sie ein netter Mensch ist, weiß ich, dass sie das sagt, weil sie mich gern hat. Einem lieben Menschen will man keine negativen Adjektive zuschreiben. Und mir scheint, dass “langweilig” für viele das schlimmste ist, was man ihnen nachsagen kann.

Aber ich empfinde es nicht beleidigend. Eher als Beschreibung meiner Person. Ich kenne mich selbst gut genug und habe kein Problem damit zuzugeben: Ich bin ein langweiliger Mensch, der nie die coolen neuen Dinge macht, sondern lieber die altbekannten und lieb gewonnen. Es ist nur eine weitere Seite meiner Persönlichkeit, neben Highlights wie “Wenn ich auf der Straße einen Hund sehe, fange ich an in Babysprache mit ihm zu sprechen“ oder „Ich hasse Leonardo DiCaprios Image-Strategie mit jeder Faser meines Herzens“.

Bis zum Morgengrauen in einem angesagten Club tanzen? Danke, ich hau mir eher die Nacht um die Ohren, weil ich eine neue Serie gefunden habe. Am Wochenende mal eine kleine Wanderung auf den nächsten Berg? Lass mal, ich bin wohl eher wieder zu einem menschlichen Takko geworden und liege auf meiner Couch. Kurz gesagt: Spannend, das sind die anderen.

Ich glaube, dass mein Unwille, ständig etwas Aufregendes zu machen und zu tun vor allem auf zwei Faktoren beruht: Meiner Sturheit und meinem Bedürfnis nach Gemütlichkeit. Beide Dinge scheinen unendlich zu sein.

Wenn mir jeder – vom Tagesspiegel-Newsletter über die Vogue hin zum New Yorker – erklären will, dass ich doch verflucht noch mal meine Freizeit zu verplanen habe, weckt das Trotzreaktionen in mir und ich werde stur. Alle gehen wandern? Fein, ich verbringe meinen Sommer auf einer Decke im Park liegend. Alle gehen tanzen im Club? Cool, an einem wilden Abend trinke ich mein Bier in der Kneipe ums Eck und bin um elf im Bett. Ob es erwachsen ist, sich von der Mehrheitsmeinung in die genau entgegengesetzte Richtung drängen zu lassen? Wahrscheinlich nicht. Aber ist es so viel klüger, sich von ihr eine Angst vor dem Nichtstun einreden zu lassen?

Was meine Sturheit, dem gesellschaftlichen “Nur verplante Zeit ist wertvolle Zeit”-Motto nicht in die Hände zu spielen, zusätzlich befeuert, ist mein unstillbarer Drang mich auszuruhen. Ausruhen wovon, fragt ihr? Keine Kinder, keine Haustiere, kein Sklaventreiber-Job. Wovor musst du dich ausruhen, privilegiertes Mädchen?

Von der Welt.

Klingt jetzt krass melodramatisch und ein wenig nach Selbstmordgefahr. Aber ich will eigentlich nur sagen: Es erschöpft mich, draußen zu sein und Dinge zu machen. Ich bin nämlich kein sozialer Schmetterling, der von Person zu Person flattert und gute Laune verbreitet. Eher bin ich eine soziale Schildkröte, die langsam und schwerfällig Kontakte knüpft und erhält. Und weil eben alles so, so anstrengend ist, brauche ich einfach so verflucht viel Zeit um mich auszuruhen. Was wiederum nur funktioniert, wenn ich allein bin.

Manchmal glaube ich fast, dass ich nicht wie alle Lebewesen von den vier großen Fs (Fighting, Fleeing, Feeding, Fucking) motiviert bin, sondern nur dem einen großen “G” entgegenlebe: Gemütlichkeit. Alles außerhalb meiner Komfortzone strengt mich an: Konzerte, Barbesuche, Sportevents, ja manchmal sogar einfach nur ein Einkauf.

Warum ich das erzähle? Es ist Anfang März. Es fängt bald die “schöne Zeit des Jahres” an, wo man “Sachen machen” kann und doch verflucht noch mal auch soll! Ist doch “schade”, wenn man die schönen Tage nicht nutzt. Dabei frage ich mich: Warum muss ich meine Freizeit nutzen? Ich wusste nämlich gar nicht, dass der Sinn von Entspannung ist, freie Zeit nützlich zu verbringen.

Egal, wie ich zu Leuten stehe, die 1001 Dinge an ihren Wochenenden machen, ich habe ihnen nie gesagt, dass ich es “schade” finde, was sie da tun. Oder dass sie es mal bereuen werden, viele Freizeitpläne zu haben. Aber würde ich bis Herbst für jeden vergleichbaren Kommentar zu meiner “langweiligen Freizeitgestaltung” einen Euro zur Seite legen, könnte ich im Oktober einen schicken Gänsebraten essen gehen.

Erzählt mir gerne, was ihr so gemacht habt, ich freu mich über jede durchtanzte Nacht, jeden erklommenen Berggipfel und jede Restaurantneuentdeckung. Aber verurteilt mich nicht, weil ich mir zum 100. Mal “Sweet Home Alabama” angesehen und Chips auf meiner Couch gegessen habe. Meine Langeweile ist nämlich nichts Negatives, sie ist einfach ein Teil von mir.

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9 Gedanken zu “Ich bin langweilig und das ist auch okay so

  1. Liebe Ana, ich kann dir das so gut nachempfinden und finde mich selbst wieder in deinem Artikel! Mein Ruhebedürfnis habe ich mittlerweile so sehr kultiviert, dass ich eine „Extrem-Nichtstuerin“ geworden bin und wäre es eine olympische Disziplin, ich würde eine Goldmedaille holen! 🙂

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  2. was und wie du schreibst, ist sagenhaft, liebe ana. ich ertappe mich und meine freundinnen oft dabei, dass wir ewig einfach NICHTS gemacht haben, und man sehnt sich richtig danach. dabei hat man es selbst in der hand! schildkröte 4eva.

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  3. Sehr schön geschrieben und auch auf mich weitgehend zutreffend. Gassi mit dem Hund (bei gutem Wetter, schlechtes Wetter kann der Mann übernehmen und am Wochenende sowieso), lümmeln auf dem Sofa, leckeres Essen und zwischendurch ausgiebige Ruhe vor dem Mann im Haus – perfekt. Ich könnte wohl die Bronze schaffen 😀

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