All by Myself: Wie findet man Freunde?

Neue Stadt, neues Leben! Aber anstatt großartiger Abenteuer erlebt ihr eher das erste Mal Einsamkeit? Willkommen im Club. Meine Geschichte hat Blut und Tränen, Balkanweisheiten zu Blasenentzündungen und enthält nebenbei noch wertvolle Tipps zum Aufbau neuer Freundschaften.

Neue Stadt, neues Leben! Aber anstatt großartiger Abenteuer erlebt ihr eher das erste Mal Einsamkeit? Willkommen im Club. Meine Geschichte hat Blut und Tränen, Balkanweisheiten zu Blasenentzündungen und enthält nebenbei noch wertvolle Tipps zum Aufbau neuer Freundschaften.

Vorletztes Jahr im Sommer habe ich einen Tiefpunkt erreicht.

Im März bin ich nach Berlin gezogen und bis zum Sommer hatte ich mir eingeredet, ganz gut allein klarzukommen. Das „allein“ bezog sich dabei nicht auf meinen Beziehungsstatus als Single, sondern eher auf die Tatsache, dass ich Probleme hatte, in Berlin freundemäßig anzukommen.

Während ich in vorherigen Wohnsitzen durch Uni und verscheidene (Neben-)Jobs immer recht gut Bekannte und Freunde gefunden hatte, mit denen ich ins Kino, zu Pubquizzes und Brunchen (das ist meine Definition von gemeinsamem Freizeitspaß) ging, funktionierte das in Berlin nicht so schnell.

Im erwähnten Sommer musste ich den Wasserhahn in meiner Küche austauschen. Dass ich das falsche Werkzeug hatte, stellte ich fest, als ich versuchte, eine Schraube mit der bloßen Hand festzuziehen und mir dabei die Handfläche aufschnitt. Der Schock über das Blut, meine Frustration über mein Nichtkönnen im Installationsbereich und die Tatsache, dass die einzigen Menschen, vor denen ich eingestehen würde, dass ich Hilfe brauche, in anderen Ländern wohnten, war in diesem Moment zu viel für mich.

Während ich da so saß, zwischen den Überresten meiner Spüle, Blutflecken und Werkzeugen, erlebte ich zum ersten Mal bewusst den Unterschied zwischen Alleinsein und Einsamkeit. Und selbst ohne Schnittwunde hätte diese Erkenntnis wohl ziemlich weh getan.

Ich fange hier jetzt nicht an von „der großen Stadt, die so kalt und menschenunfreundlich“ ist, zu schwadronieren. Ehrlich gesagt sind Gründe für meine (selbstverursachten) Phasen von Einsamkeit so vielfältig, dass ich sie nicht in einem einzigen Blogpost aufschreiben kann (bei Interesse mache ich aber gerne eine wöchentliche Kolumne draus).

Worauf ich eher hinaus will, ist nicht, dass man Einsamkeit vermeiden soll, sondern wie man mit ihr lebt: Was machst m, wenn du feststellst, dass du dir nicht mehr bewusst „Alone-Time“ nehmen musst, weil sie auf einmal der Normalfall ist? Was machst du, wenn du in einem neuen Lebensabschnitt an einem neuen Ort bist, aber eigentlich einfach nur wieder zurück zu deinen Freunden willst, die dich kennen und verstehen?

Heißer Tipp: Steh erstmal vom Küchenboden auf. Alte Balkanweisheit: Wenn du zu lang auf kalten Fliesen sitzt, holst du dir nur eine Blasenentzündung.

Danach stellst du dich lieber mal drauf ein. dass es keine schnelle Lösung geben wird. Du kannst nichts machen, außer weiterzuleben und einen Alltag zu finden. Das klingt melodramatisch und lapidar zugleich, aber das ist es, was einen immer Kontakte schließen lässt: Räumliche Nähe und immer wieder Zeit miteinander zu verbringen.

„Aber wieso habe ich dann früher so viel leichter Freunde gefunden?!“, höre ich dich jammern. Wenn ihr du meinem Alter bist (Ende zwanzig), bezieht sich dein „früher“ wahrscheinlich auf die Schulzeit. In der Schule hast du jeden Tag mit deinen BFFs verbracht, was beweist: Räumliche Nähe + Zeit = Freundschaft.

Wenn du nun Ausbildung/Schule/Studium hinter dir hast, ist meine steile These, dass es vor allem der Zeitfaktor ist, der es dir schwer macht, neue Kontakte zu knüpfen. Um den Vertrautheitslevel zu erreichen, den ich etwa mit meinen Studienfreundinnen habe, müsste ich mit anderen Menschen gefühlt ein Jahrzehnt neben meinem Job, deren Beziehungen, Kindern, Haustieren befreundet sein. Mittlerweile haben wir nämlich alle noch zahlreiche Nebenverpflichtungen, die die freie Freundschaftszeit verkleinern.

Wenn du in einer neuen Umgebung bist, musst du deshalb auf dich nehmen, dass sich neue Freundschaften langsamer entwickeln. Indem du sowas wie einen Alltag für dich findest und ihn einfach immer und immer und immer wiederholst, hast du irgendwann zumindest gute Bekannte gefunden. Und wenn du großes Glück hast, hast du irgendwann auch Freunde. Das liest sich wie der unmotivierteste Freundschaftsratgeber der Welt, aber es ist das einzige, was verlässlich funktioniert.

Was das Vermissen deiner alten Freunde angeht: Du vermisst eine im Nachhinein verklärte Version deines alten Freundeskreises, den es in der Gegenwart so nicht gibt und auch nie gegeben hat. Aber kleine Aufmunterung: Auch das, was du irgendwann als krassen Moment des Versagens empfindest, wirst du rückblickend als kleinen Einbruch abtun.

Das alles sind Tipps der Kategorie „lahm aber wahr“ und es tut mir leid, dass es keine lustige Auflösung gibt. Aber vielleicht hilft es dir zu wissen, dass es sogar für introvertierte Menschen, die wenig Hobbies haben und viel Couchzeit brauchen, besser wird: Ich baue heute meinen Geschirrspüler ein. Mit richtigem Werkzeug und fünf Telefonnummern auf Schnellwahl, die mir helfen, falls ich meine Küche unter Wasser setze.

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9 Gedanken zu “All by Myself: Wie findet man Freunde?

    1. Liebe Ania,

      ich glaube, wir haben viele ähnliche Erfahrungen gemacht 🙂 Ich hoffe, deine Duscharmatur funktioniert nun genauso gut wie meine Küchenspüle! Liebe Grüße nach Wien aus Berlin!

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  1. Liebe Lena, vielen Dank für’s Willkommenheißen! Ich hoffe, dass ein paar erkennen, dass sie nicht allein sind mit ihrer Einsamkeit und dass es irgendwann vielleicht besser wird.

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      1. Ich fand immer Trost darin zu wissen, dass ich nicht die einzige bin. Denn irgendwann kommt ein Moment, wo du dir jemanden herwünschst, der dich versteht und dir nahe ist. Und dann fühlt man sich blöd, weil man das Gefühl hat, alle anderen kriegen es doch hin, dieses Freunde-Ding, nur man selbst nicht.

        Da hat es mir immer geholfen zu wissen, dass andere Menschen – vielleicht sogar welche, die ich cool fand – auch nicht immer locker leicht Kontakte knüpfen.

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  2. Hallo Ana,

    Hallo ana, ich fühle da sehr mit dir. Die Hauptschwierigkeit nach Ausbildung/Uni neue Freundschaften zu knüpfen, sehe ich wie du auch in der Zeitfrage. Zeitintensive Routinen, aus denen neue Freundschaften erwachsen könnten, hat man ja eigentlich nur auf der Arbeit, aber ich zB bin sehr vorsichtig bei der Vermischung von Privatem und Beruflichen. Eignen würde sich vllt noch ein Sportverein, aber ich bin kein Vereinsmensch, daher fällt das weg.

    Was mich am Erwachsensein und an Erwachsenen mit am meisten nervt (ich bin 32), ist dieser Terminfetisch. Ich habe eigentlich niemanden (noch nicht mal immer meinen Freund) mit dem ich spontan Zeit verbringen kann. Alle Treffen müssen immer ewig vorher ausgemacht und geplant werden. Diese Termin-Kultur killt für mich total den freundschaftlichen Vibe und ich finde, dass es oftmals vorgeschoben ist. Man hockt nämlich nicht mehr aufeinander, bis man sich mag, sondern schafft nur noch kleine gelegentliche Dosen vom Gegenüber, bis man genervt ist und Abstand braucht. Ich beobachte das ja zugegeben auch bei mir selbst: meine Toleranzmarke ist eher gesunken. Qualität statt Quantität habe ich mir immer gesagt, aber manch,al zweifle ich ob das so stimmt. Trotzdem glaube ich, dass es mehr Menschen wie dich und mich geben muss: durch Wegzug, neuen Jobs, Studienende usw. lokalen Freundskreis verloren und mit Wunsch zu mehr menschlicher Nähe. It´s fucking hard, mehr noch als ich dachte. Trotz Apps wie „spontacs“ und diversen social medias knüpft es sich nicht mehr so einfach eine echte Freundschaft.

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    1. Hi Julia,

      du sprichst zwei Dinge an, die ich auch wichtig finde.

      Zum einen diese Vermischung von Privatem und Beruflichen: Ich bin da ganz bei dir. Während man in der Schulzeit noch mit jedem ohne „Interessenskonflikt“ befreundet sein konnte, ist das im Beruf schwierig. Und ich frage mich oft, wie andere das machen. Mir fallen nur immer wieder die Negativbeispiele auf, wo enge persönliche Beziehungen die Zusammenarbeit miteinander oder anderen im Team erschweren.

      Zum einen aber auch diese kleinen Dosen: Ich kenne mich selbst gut genug um zu wissen, dass ich nur wenige Menschen unendlich aushalte. Wie du habe ich auch irgendwie das Gefühl, dass meine Toleranzgrenze für (neue) Menschen niedriger geworden ist.

      In jedem Fall: Vielen Dank für deinen Kommentar. Du hast viele interessante Gedankenanstöße für mich angesprochen 🙂

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